Einblicke 11/2016

«Ich bin froh im Laden zu arbeiten.»

Portrait

Jacqueline Derungs

Jacqueline Derungs arbeitet als Sesselflechterin im Laden der irides AG. Die geburtsblinde Frau, deren Berufswunsch Telefonistin war, nimmt dort auch Telefonate entgegen. Dank des Mobilitätstrainings der Sehbehindertenhilfe Basel überwindet sie Distanzen von A nach B. Herausfordernd ist für sie die Freizeitgestaltung, nun hat sie eine Begleiterin gefunden, die mit ihr auf kleinere Nordic-Walking-Touren mitgeht.

Jacqueline Derungs ist von Geburt an blind. Sie ist mit diesem Handicap des ‹Sehverlustes› aufgewachsen. «Ich kenne nichts anderes, für mich ist es so. Die Vorstellung hingegen, als Sehender durch eine plötzliche Erblindung aus dem Leben gerissen zu werden, stelle ich mir als sehr schwer vor.»

Die ersten Lebensjahre verbrachte sie im Bündnerland, die Schulzeit absolvierte sie in der Blindenschule Sonnenberg, einem Internat in Zug. Der behütete Rahmen verlieh Sicherheit und bot Struktur. Als die Schulzeit vorbei war und es in die Welt hinausging, erlebte die junge Frau Schönes wie auch Herausforderndes. «Schön war das neue Freiheitsgefühl: einen eigenen Schlüssel zu haben zum Beispiel. Eine neue Erfahrung war es für mich, plötzlich nicht mehr umsorgt zu sein, der geschützte Rahmen entfiel. Ich wusste, von nun an musst Du fast alles selber meistern.»

Durch hohe Konzentration, taktiles Gespür und exaktes Arbeiten kann Jacqueline Derungs ‹blind› exakt geflochtene Stühle abliefern – zur Freude der Kunden im Laden der irides AG.

Neue Wege der Arbeitsplatzgestaltung

Sie prüfte, einen Welschlandaufenthalt zu machen, doch gewisse Berührungsängste gegenüber der Fremdsprache sowie der Internats-Blues hielten sie davon ab. Stattdessen absolvierte sie eine Anlehre als Telefonistin, die sie trotz Lücke bei den Fremdsprachenkenntnissen mit Zertifikat abschloss.

Dennoch blieben alle Arbeitsbemühungen, in diesem Beruf eine Stelle zu finden, erfolglos. Die junge Frau war während anderthalb Jahren arbeitslos und fand keine Anstellung im ersten Arbeitsmarkt. Woran liegt’s? «In der Arbeitswelt sind vielerorts Vorurteile da: Vorgesetzte finden, dass wir Blinde zu langsam sind, und dass wir nicht alle Arbeiten verrichten können», erklärt die Bündnerin. Vielleicht fehlt manchmal auch der Mut, einer blinden Person eine Chance zu geben? Eine solche erhielt sie schliesslich anderswo: Sie konnte in der Werkstätte der irides AG als Sesselflechterin schnuppern. Aus dem Ausprobieren wurde mehr: heute ist Jacqueline Derungs eine versierte Handwerkerin und Restauratorin von Stühlen.

Ihr gefällt es, dass sie ihren Arbeitsplatz im Laden der irides AG einrichten durfte. Hier bekommt sie mit, wenn Kunden eines der schönen Produkte einkaufen und fühlt sich in diesem Umfeld wohler als früher in der Werkstatt. Sie hat sich ein handwerkliches Geschick erarbeitet und durch die verschiedenen Stuhlformen ist ihre Tätigkeit abwechslungsreich.

Rehabilitation hilft, selbstständig zu bleiben

Priska Tschupp arbeitet bei der Sehbehindertenhilfe als Fachfrau für Lebenspraktische Fähigkeiten (LPF) und betreut Jacqueline Derungs als Klientin. Mit einfachen Tipps und Tricks, z. B. einem Ordnungssystem in Schränken oder Markierungspunkten bei den Kochplatten unterstützt die Fachfrau vor Ort – auch das Kochen wurde verfeinert. Dies hat ihren Alltag zuhause erleichtert.

Ebenso schätzt Jacqueline Derungs das Mobilitätstraining der Sehbehindertenhilfe Basel. «Marcel Studer ist ein engagierter Mobilitätslehrer. Er ist locker, professionell und er wahrt Distanz, was ich sehr schätze.» Das Training in Orientierung & Mobilität beinhaltet alle wichtigen Wege, z. B. den Arbeitsweg, die Wege zu Läden, Ärzten oder Freizeitstätten, die für die Klienten wichtig sind. Wenn sich bekannte Wege plötzlich durch Baustellen verändern, ist die blinde Frau froh, dass sie ihren Mobilitätslehrer anrufen kann, der mit ihr zeitnah die Umgehung der Hindernisse trainiert.

So fühlt sie sich rasch wieder sicherer unterwegs und schafft es, Hürden im Alltag zu meistern. Für einen feinen Kaffee zwischendurch ist Jacqueline Derungs auch der Weg zum Nespresso-Laden nicht zu weit: wenn auch der Verzicht auf das Augenlicht für Jacqueline Normalität ist – auf die kleinen Freuden des Alltags, z. B. einen feinen Espresso, möchte sie nicht verzichten.

Hintergrund

Sinnvolle Zusammenarbeit

Das Porträt von Frau Derungs zeigt beispielhaft die positive und sinnvolle Zusammenarbeit zwischen der Sehbehindertenhilfe Basel und der irides AG.

Die ‹irides AG› wurde als gemeinnützige, nicht-gewinnorientierte-Aktiengesellschaft von der traditionsreichen Stiftung Blindenheim Basel gegründet und umfasst das Wohnheim und die Werkstätten am Kohlenberg. Die Stiftung Blindenheim Basel erweiterte zudem ihren Stiftungszweck. Dadurch kann das Bestreben, einen Beitrag ans Gemeinwohl zu leisten, noch besser erbracht werden. Kooperationen mit Institutionen aus dem Sehbehindertenwesen, wie eben mit der Sehbehindertenhilfe Basel, führen zu noch besseren Unterstützungen für die von Blindheit oder Sehbehinderung betroffenen Menschen.

Freizeit als Herausforderung

Blinde Menschen, die in Partnerschaft leben, haben meist Hilfe vor Ort, wenn diese nötig wird. Als alleinstehende blinde Frau muss sich Jacqueline Derungs für alles, was zu kräfteraubend wäre, Unterstützung von aussen holen. Den Grosseinkauf erledigt sie einmal pro Woche mit einer Spitex-Mitarbeiterin. Ihre Wäsche lässt sie reinigen. Damit sie ‹Nordic Walking› betreiben kann, hat sie auf zwei Plattformen ‹nachbarnet.ch› und ‹unibas.ch› inseriert und mit viel Mühe eine Frau gefunden, die sie einmal pro Woche bei diesem Hobby begleitet. Gerne würde sie öfters ‹walken› gehen, doch Begleitung zu finden ist für sie nicht einfach. Ihr privates Netzwerk besteht grösstenteils aus Menschen, die ihr Schicksal der Blindheit oder Sehbehinderung mit ihr teilen. Sie wünscht sich, selber offener zu werden um ihr soziales Netzwerk noch etwas auszubauen. Doch die Kontakthemmung zwischen Sehenden und Blinden ist oftmals gegenseitig und es braucht etwas Überwindung, einen Schritt auf andere zuzugehen.

Ein langgehegter Ferienwunsch ging für sie vor einigen Jahren in Erfüllung. Nach einem Aufruf in der Kirche für eine Ferienbegleitung meldete sich eine Familie bei ihr, die bereit war, sie in die Ferien nach Marbella mitzunehmen. «Das Meer zu erleben, war sehr schön für mich. Gerne würde ich wieder mal solche Ferien verbringen.»