Einblicke 8/2015

«Schritt für Schritt zurück ins Leben gefunden.»

Portrait

Roland Meury

Mit 19 Jahren hat Roland Meury einen schweren Motorradunfall. Sein Schicksal liegt während Tagen auf Messers Schneide. Er überlebt. Bei seinen Sturzfolgen mit Schädelbruch wird der Sehnerv an beiden Augen durchtrennt: zwar wird dem jungen Mann ein zweites Leben geschenkt, das Augenlicht hingegen ist für immer verloren.

Auch wenn es 40 Jahre zurückliegt – die Erinnerung an den 30. Juni 1974 bleibt: «Das Wetter war schön, in Blauen war Turnfest; als ich meinen Cousin neben seinem Töff stehen sah, fragte ich ihn, ob wir zusammen nach Reinach runterfahren wollen.» Eine schicksalsschwere Entscheidung. Eine halbe Stunde später liegen er und sein Cousin Silvio, der hinter ihm auf der Maschine sass, in einem Waldstück. Silvio, in einem Haselstrauch gelandet, nur leicht verletzt, Roland, in einen Baum geschleudert, mit schweren Verletzungen an Kopf, Becken und Bein.

Dreieinhalb intensive Wochen

Auf der Intensivstation im Spital erleben die Angehörigen bange Tage und Wochen. Die Diagnose: Schädelbruch, Beckenbruch, Beinbruch, dazu ein hohes Infekt-Risiko. Ein Arzt sagte ihnen, «wenn er die nächsten 10 Tage keine Lungenentzündung bekommt, hat er eine Chance, zu überleben.» Diese ergreift der 19-jährige – oder sein Schicksal ergreift sie für ihn. Er übersteht die Folgen des Unfalls. Die ‹Wiederherstellung› dauert. Roland Meury muss zusammengeflickt werden. Es folgen drei weitere Monate auf der allgemeinen Abteilung. Mit Gewichten wird die rechte Seite gestreckt, mit Physiotherapie am Oberkörper und etwas Ergotherapie bewirken die Fachleute, dass der Patient seine Beweglichkeit, Koordination und auch sein Denkvermögen zurückerlangt.

Auch das Tisch decken und servieren will als blinder Mensch gelernt sein. Auch hier helfen Tricks der Rehabilitations-Fachkräfte weiter.

Es braucht viel Zeit

«Als ich erfuhr, dass ich blind bin, benötigte ich viel Zeit, um diese schwere Nachricht zu verdauen und anzunehmen.» Anfänglich verliess ihn der Mut. «Da sind Menschen wichtig, die an dich glauben und an deiner Seite bleiben». Die damals 17-jährige Freundin blieb und wurde 1978 für drei Jahre seine erste Ehefrau; die Familie war da, gute Freunde. Eine Physiotherapeutin im Spital brachte ihm die Brailleschrift bei und lehrte ihn, mit speziellen Jass-Karten (mit Braillepunkten) wieder zu jassen.

Den Weg zurück ...

... ins ‹alte› Leben gibt es nach solch einem schweren Unfall nicht. Als erblindeter Mann musste sich Roland ein Leben B neu aufbauen. Sich finden und neu definieren. Er tat dies, indem er kleine Schritte unternahm. Er probierte alles aus.
Kochen, Backen, Putzen, Waschen, den Haushalt führen. Als gelernter Maurer wollte er auch handwerklich tätig sein. Mit den Händen etwas erschaffen, reparieren, erneuern, das hat sich der gelernte Maurer über all die Jahre aufgebaut.

Beitrag zum Familienwohl

Bereits ein Jahr nach dem Unfall holte sich Roland Meury bei der Sehbehindertenhilfe Basel Hilfe zur Bewältigung des Haushaltes. So erlernte er u.a. das Kochen. 1982 keimte die Liebe zu Marianne, mit der er früher schon mal angebändelt hatte, neu auf. In einem langen Telefongespräch tauschten sie sich über das Leben aus und knüpften ein Band in die Gegenwart. Roland lud sie zu sich zum Essen ein. Und sie blieb. Seit mehr als 30 Jahren ist Marianne seine Frau und Gefährtin.
Und so kam es, dass der erblindete Mann in all den Jahren unzählige feine Familien-Menus auf den Tisch zaubern konnte.

Sozial gut vernetzt

Im Dorf Blauen sind die Meurys gut vernetzt. Vor Jahren hatten sie die Idee, mit einem Mittagstisch zwei älteren Damen, die nicht mehr oft selber kochten, etwas Gutes zu tun. Eine dieser Frauen isst heute noch ab und zu mit. Und auch sonst lebt die Tradition des ‹Mittagstisches› weiter. Die junge Familie Müller (Sanda mit ihren Kindern Mina und Lilly) ist meist Freitags zu Besuch.

Für den ‹Selfmademan› Meury ist es wichtig, dass er von Nutzen ist. Wenn er spürt, dass er einen Beitrag leisten kann, gibt ihm dies ein gutes Selbstwertgefühl. So bietet er seine handwerklichen Dienste auch Freunden und Nachbarn an. Denn eines wissen diese: Mit den Händen arbeiten, das kann der Roland blind.

Meurys und Müllers am Mittagstisch vereint. Mahlzeit!

Hintergrund

Erst Rehabilitation, später PC-Training

Bei der Sehbehindertenhilfe Basel trainierte Roland Meury viele praktische Fähigkeiten wie Kochen, Backen, Putzen und Waschen. Die Reha-Fachleute brachten ihm auch bei, wie er Gewürze dank Braille-Beschriftung auseinanderhalten und mit der sprechenden Waage sowie passenden Gefässen Zutaten abmessen kann. Später kamen Hilfsmittel wie die akustische Wasserwaage oder ein Farberkennungsgerät dazu, mit dem er seine Kleider aus dem Schrank auswählt – und auch schon eine Lampe durch Farberkennung der Drähte richtig angeschlossen hat (bitte nicht nachahmen).

Mit Anbruch des PC-Zeitalters erhielt Meury weitere Unterstützung. Er erlernte das 10-Finger-System und die IV bewilligte ein Lese-Schreibsystem (PC mit Hilfsprogrammen, die es möglich machen, Informationen übers Gehör aufzunehmen). Mit dem Computer schreibt er seine Korrespondenz und vernetzt sich mit der Aussenwelt. Mit dem Hilfsmittel ‹Milestone›, einem Sprachnotizgerät hört er Radio, nimmt Kochrezepte auf, stellt die Kochzeit für die Eier ein oder spielt Hörbücher ab.