Einblicke 2/2012

«Der Computer ist mein Tor zur Welt.»

Portrait

Suzanne Kunz

Suzanne Kunz ist seit Geburt stark sehbehindert. Als Neunjährige verlor sie langsam auch die Hörkraft. Die fröhliche Frau, die Yoga macht, meistert ihr Leben mit dem Handicap von zwei nur minimal funktionierenden Sinnen: Hören und Sehen.

Unterstützt wird sie von Freunden, hilfsbereiten Menschen, die ihr auf vertrauten Wegen begegnen und von technischen Hilfsmitteln: Dank Computer, Internet und Braille-Tastatur nimmt sie an der Welt teil.

Als die kleine Suzanne vierjährig war, suchten ihre Eltern einen Augenarzt auf. Er stellte eine Sehnerv-Atropie fest. Die Sehkraft blieb lange stabil, reduzierte sich aber in späteren Jahren zunehmend. Es gab nichts, was man dagegen hätte tun können. Suzannes Eltern waren überfordert. Sie fanden ein katholisches Internat in Fribourg, das ihre Tochter mit acht Jahren aufnahm und ausbildete.

Verlust des Gehörs ein Schock

Bei einem Examen hatte sie erste Hörprobleme, das war ein Schockerlebnis für sie. Der Höralverlust war noch schlimmer für Suzanne, als die starke Sehbehinderung, die ihr von Geburt an vertraut war. Wie konnte sie diesen Sinnesverlust verarbeiten? «Ich flüchtete in meine eigene Welt, wenn ich mich nicht verstanden fühlte. Gleichaltrige mied ich und isolierte mich immer mehr», erzählt sie.
Nach harten Jahren in der Isolation nimmt sie als 15jährige psychologische Hilfe in Anspruch. Die Ärztin, die sie während zwei Jahren im Kinderspital Basel behandelt und an sie glaubt, hat ihr sehr geholfen. Weitere zwei Jahre später kommt sie zur Sehbehindertenhilfe, wo sie eine kaufmännische Lehre mit EFZ-Ausweis absolviert und die Abschlussprüfung mit Auszeichnung besteht. Sie nimmt Unterricht in der Sehbehindertenhilfe. Weil sie so begabt ist, wird ihr ein Job als Lehrerin für Braille-Schrift angeboten. Eine glückliche Fügung. Suzanne Kunz arbeitete in der Folge während 40 Jahren als Lehrerin: «Ich liebe das Unterrichten. Es ist mir immer leichtgefallen. Ich rede vor allem und die Schüler schreiben. Mit der Technik ist vieles einfacher geworden.» Susanne Kunz steht kurz vor der Pensionierung, bis im Sommer wird sie noch stundenweise unterrichten.

Dank Blindenschrift-Tastatur kann Suzanne Kunz Texte aller Art lesen.

Auf vertrauten Wegen bewegen

In der Öffentlichkeit macht Suzanne Kunz fast nur gute Erfahrungen. Wenn sie eine Strasse überqueren will, ruft sie laut, ob ihr jemand hilft, im Laden geben ihr Menschen die Dinge in die Hand. Wo sich die hör-sehbehinderte Frau auskennt, kommt sie auch zurecht. Schwieriger wird es, wenn die Verkehrssituation zu komplex ist, oder wenn sie unterwegs angesprochen wird und nicht reagieren kann.
Suzanne Kunz mag den Austausch mit anderen Menschen, sie liest gern Bücher und freut sich über schöne Kleider die sie im ‚Pfauen’ einkauft. Und natürlich ist sie als Baslerin FCB-Fan. Traurig macht sie, wenn sie sich nicht einbringen kann, wenn die Einschränkungen zu gross sind. Manchmal ist der Wunsch, eine Landschaft oder ein Gemälde einfach sehen zu können, übergross. Stattdessen lässt Sie sich beides  beschreiben und gibt ihre eigene Vorstellungskraft dazu. So war es ihr möglich, in der gotischen Kathedrale von Chartres tiefe Glücksgefühle zu empfinden, weil sie vieles wahrnahm, was anderen eventuell verborgen bleibt.

IT-Hilfsmittel spielen grosse Rolle

Was wäre, wenn es die Hilfsmittel der Informationstechnologie (IT) wie Personal Computer, E-Mail oder Blindenschrift-Tastatur nicht gäbe? Unvorstellbar. Für Suzanne Kunz sind IT-Hilfsmittel das Tor zur Welt. Wenn Freunde ein Schreibtelefon haben, können Sie mit Suzanne chatten – auch dieses Gerät ist mit dem PC, der Zentrale von Suzannes Universum verbunden.
Wer kein solches Telefon besitzt, ruft die Telefonzentrale an und lässt sich das Gespräch ‹vermitteln›. Auch SMS gehören zur Kommunikation und die Braille-Tastatur nimmt Suzanne Kunz gar zum Arztbesuch mit (damit der Arzt mit ihr chatten kann). Oft geht es aber nicht ohne Begleitung, sei es bei neuen Routen oder grösseren Einkäufen. Die Abhängigkeit von Drittpersonen ist für sie nicht immer einfach.
In Zahlen kann sie nicht ausdrücken, wie sehr ihr die Sehbehindertenhilfe Basel geholfen hat. «Es war prägend und nachhaltig», sagt sie. Und hofft, dass sie auch für den kommenden Lebensabschnitt Menschen findet, die sie unterstützen und auf ihren geplanten Touren begleiten. Sie möchte gerne noch die Pyramiden ertasten, auf die Kanarischen Inseln fliegen, den Zauber der Provence spüren und die orientalischen Düfte Marokkos einatmen.

Ohne Hilfe geht es nicht. Freund Vivian Aldridge schreibt Lorm, eine Taubblindensprache in die Hand.

Hintergrund

Ein IT-Arbeitsplatz für Blinde

Hilfsmittel der Informationstechnologie (IT) sind Werkzeuge, damit blinde Menschen ihre Arbeit erledigen können. Während Bildschirm und Maus eines Computers wertlos sind, ist eine Braillezeile, welche die Tastatur ergänzt und den Text in Blindenschrift darstellt, nicht wegzudenken. Ebenso nützlich ist der Bildschirmleser; er analysiert die Bildschirmanzeige und gibt wichtige Elemente über die Sprachausgabe oder die Braillezeile an. Mit einem Scanner lassen sich Blinde Briefe vorlesen. Das Braille-Notizgerät ist der Notizblock eines Blinden. Es ist mit dem PC verbunden und ermöglicht den Informationsaustausch. Das Dienstleistungsangebot der Sehbehindertenhilfe umfasst Hilfsmittelsoftware, Betriebssysteme und Hardware; es wird ergänzt durch weitere Unterstützungsleistungen für Beruf und Privatbereich.