Einblicke 5/2013

«Alles was ich auf meinem Weg erlebe, hat einen Sinn – auch die Sehbehinderung.»

Portrait

Peter Tschanz

Peter Tschanz ist voller Tatendrang, trotz Ruhestand und fast vollständiger Erblindung. Mit 66 Jahren müsste sein Leben frei nach Udo Jürgens Motto erst anfangen. Tatsächlich kämpft er um den letzten Sehrest und darum, seinen Alltag möglichst selbstständig zu bewältigen. Dank der Hilfe seiner Frau, seinem näheren Umfeld und der fachlichen Unterstützung durch die Sehbehindertenhilfe Basel gelingt ihm das recht gut.

Nach der Lehre als Heizungsmonteur bewegte sich Peter Tschanz vorerst in der Männerwelt der Baubranche. Als Mann der Tat – ein Haudegen wie er es nennt – wusste er sich durchzusetzen. Durch eine glückliche Fügung kam er später zu seinem Wunschjob: Hauswart in einem Schulheim. Dort verbrachte er den grössten Teil seiner beruflichen Karriere: 33 Jahre. Eine bereichernde Zeit, die ihn als Menschen geprägt und verändert hat. Tschanz: «Im Schulheim musste ich lernen, mit anderen zu kommunizieren. Ich bin offener und zugänglicher geworden.» Diese innere Wandlung wirkte sich positiv auf seine Ehe aus. Er und seine Frau leben harmonisch, sind ein eingespieltes Team und haben eine starke Bindung.

Mehrfache Augenerkrankungen

Schon als Bub war Peter Tschanz so kurzsichtig, dass er trotz dicker Brille das Geschriebene an der Tafel nicht entziffern konnte. Als ihm sein Vater mit bescheidenem Käser-Lohn zum 20. Geburtstag die ersten Kontaktlinsen schenkte, ging für ihn eine neue Welt auf. Doch es gab auch Rückschläge: Auf einem Schulausflug, 1996, sah er einen über die Autobahn montierten Balken bloss als wellenförmiges Objekt. Da wusste er: «mit meinen Augen ist etwas passiert.» Der Augenarzt stellte die Diagnose ‹grauer Star› – kurz darauf wurde der Patient operiert. Doch nach der Operation kamen weitere Sehausfälle dazu. Untersuchungen ergaben, dass zusätzlich eine Makula-Degeneration vorliegt. Peter Tschanz trug wieder eine Brille. Die Diagnose liess er sich von einem anderen Augenarzt bestätigen. Doch viel später, erst in den letzten Wochen, wollte der fast blinde Mann einmal mehr wissen, was mit seinen Augen los ist: seine Schwägerin vermittelte ihm einen Ophtalmologen (Augenarzt) der die Diagnose der Makula-Degeneration erneut bestätigte.

Als Peter Tschanz plötzlich bei seinem besser sehenden rechten Auge einen dunklen Fleck im Gesichtsfeld feststellte, erlebte er, was Ohnmacht ist. Moderne Hilfsmittel helfen ihm, sein visuelles Defizit auszugleichen, indem er Informationen mit dem Gehör verarbeitet.

Ohnmachtsgefühle und Lebensmut

«Einerseits ist es ernüchternd, wenn man einfach nichts tun kann gegen das schwindende Sehvermögen. Andererseits war diese späte Bestätigung der Diagnose für mich auch beruhigend, weil ich wusste, nichts falsch gemacht zu haben.» Trotz seiner massiven Sehbehinderung hat der Klient der Sehbehindertenhilfe Basel seine Freizeitaktivitäten so gut es geht fortgeführt. Auf dem Tandem fahren seine Frau und er zum Schrebergarten und schauen nach dem Gemüse. Früher raste er auf den Skiern seiner Gattin voraus und wartete dann auf sie, heute ist er auf Leitung angewiesen und fährt seiner Gefährtin hintennach. Sein Alphorn bläst er nur noch selten, noch vor kurzem spielte er mit einem 80- und einem 86-jährigen Kollegen im Trio. Auch wenn gewisse Hobbies nur noch im 1. Gang möglich sind, hat sich der sehbehinderte Mann nie entmutigen lassen.

Gute Unterstützung braucht es

Was Peter Tschanz mit seinem starken Willen und seiner positiven Einstellung wettmacht, darf nicht darüber hinwegtäuschen, mit welchem Handicap der Rentner leben muss: fast nichts zu sehen bedeutet, sich sehr gut organisieren zu müssen, damit gewisse Tagesabläufe ‹fast blind› funktionieren. Peter Tschanz hat überall seine Ecken, wo er Dinge lagert, die er oft benötigt. Für alles Neue, Unvertraute ist er hingegen auf Hilfe seiner Gattin angewiesen. Mit der über die Zeit stark schwindenden Sehkraft bezog er viele Low Vision-Leistungen und Hilfsmittel, die ihm helfen, sein visuelles Handicap teilweise auszugleichen (siehe Hintergrund). Als weitere Unterstützung wird Peter Tschanz in einigen Monaten einen Blindenhund kriegen. Was ihm seine Frau im ‹Innen› des Familienlebens bieten kann, eine hilfsbereite Gefährtin zu sein, wird im ‹Aussen› zum Teil sein Hund übernehmen.

Meist sind die Eheleute Tschanz gemeinsam unterwegs; mit seiner Gefährtin fühlt sich der sehbehinderte Mann sicherer und geborgen. Obschon sie vieles gemeinsam unternehmen, hat doch auch jeder von ihnen seine eigenen Wege und Beziehungen.

Hintergrund

Mit Low Vision Hilfsmitteln besser sehen

Im Jahr 2007 führte Monika Gubler mit dem Klienten eine umfassende Low Vision Abklärung durch. Daraufhin erhielt er eine Kantenfilterbrille, die er draussen gegen starke Blendung trägt. Eine Lupe setzte er in seiner Zeit als Abwart ein, um Wasserstand oder Stromzähler abzulesen; am Arbeitsplatz wurde ihm ein Bildschirmlesegerät zur Verfügung gestellt. Der Klient ist ein Fan vom ‹Milestone›, ein Gerät das ihm Hörbücher vorliest und mit dem er Tonaufnahmen macht, z. B. im Hundekurs. «Ohne die Unterstützung der Sehbehindertenhilfe Basel wäre ich hilflos», meint der Rentner.
Wegen der zunehmend schlechter werdenden Augen musste er lernen, einen Computer mit Sprachausgabe ‹Jaws› zu bedienen. Doris Wahl besucht ihn jede zweite Woche, bringt ihm weitere Tricks rund um Mail oder den elektronischen Zeitungskiosk bei und schaut, dass er die Hilfsmittel sehbehindertengerecht nutzen kann.

Aktuell

Von A – Z alles aus einer Hand

Das Angebot der Sehbehindertenhilfe Basel ist umfassend: angefangen von der seriösen Abklärung, bis über die Empfehlung von Hilfsmitteln, der Korrespondenz mit den integrierten IV-Stellen, dem Verkauf der Hilfsmittel zum Selbstkosten-Preis an die Klienten, der Installation und Schulung der Hilfsmittel und dem Training von kompensatorischen Arbeitstechniken. Bis die Klienten am Ziel sind, mit Hilfsmitteln ihren Alltag auf würdige und möglichst selbstständige Weise zu bewältigen.

Doch das Wichtigste ist: Klienten wie Peter Tschanz sind äusserst dankbar, dass es diese Hilfe gibt. Was viele nicht wissen: nicht alle Leistungen werden von den kantonalen IV-Stellen übernommen. Rund ein Drittel des Aufwandes, den die Non-Profit-Organisation betreibt, ist ungedeckt und muss durch Spendengelder beschafft werden. Die Arbeit die wir leisten, kommt blinden und sehbehinderten Menschen im Grossraum Basel und Berufstätigen mit visuellem Handicap in der ganzen Schweiz zugute. Wenn Sie dieses Engagement unterstützen und spenden wollen, sind Ihnen all diese Menschen dankbar.